Typolexikon.de : Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie : Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin.
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Normalschriftweite

Typographischer Terminus für die vom Schriftgestalter vorgesehene natürliche Laufweite einer Schrift; im materiellen Schriftsatz auch als » normaler Breitenlauf « bezeichnet. Die Normalschriftweite (NSW) wird in der relativen Maßeinheit Geviert gemessen. Die NSW ist das Ausgangsmaß, aufgrund der alle davon abweichenden Laufweiten (+/-) gemessen werden. Das
Kalibrieren der Normalschriftweite gehört in das Segment der Mikrotypographie.

Unter der Normalschriftweite versteht der Schriftentwerfer die optimale Schriflaufweite seiner Schrift, die der Leser auch beim Erfassen längerer Textpassagen als angenehm, richtig und als nicht störend empfindet. Die optimale Normalschriftweite ist somit abhängig vom jeweiligen Schriftentwurf, orientiert sich aber bei einer
Antiqua, unabhängig von der Schriftart (Schriftklassifikation), an der Punze der Minuskel » n «. Je mehr die Laufweite einer Schrift von der NSW abweicht, desto unlesbarer wird sie. Die Schriftweite bestimmt also wesentlich die Lesbarkeit eines Schriftsatzes.

[T] Die Zurichtung von Schriften hat sich im Laufe der Jahre aufgrund neuer Schriftsatzsysteme, der daraus resultierenden Lesegewohnheiten und aufgrund modischer Ambitionen stark verändert.
[T] Die » Zurichtung « der meisten Fonts stammt noch aus den 80er Jahren. Sie laufen unterhalb der Schaugröße, also unter 12 Punkt (Didot), zu eng und sind somit nicht optimal zu lesen.
[T] Die NSW unterscheidet sich je nach Hersteller und Erscheinungsjahr der Schrift. Die NSW einer Schrift sollte deshalb bei jeder Schriftsatzarbeit überprüft und gegebenenfalls kalibriert werden. Auch hier gilt: Schrift ist nicht gleich Schrift!
[T] Der optimale Raum zwischen zwei Buchstaben kann zwar u.a. durch Long- oder Short-Kerning-Tabellen vorgegeben werden; diese ersetzen aber keinesfalls das geübte Auge eines Typographen, Schriften in ihrer Anwendung optimal zu interpretieren.
[T] Laufweiten über und unter der NSW sind bei geringeren Textmengen aus ästhetischen oder praktischen Gründen manchmal sinnvoll, nicht jedoch im Mengensatz.
[T] Kapitälchen- und Majuskelzeilen sollten mindestens in einer Laufweite von +10/48 Geviert über NSW gesetzt werden.
[T] Viele Schriften sind heute aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen schlecht, manche sogar überhaupt nicht » zubereitet «. Das bedeutet in der Regel nichts anderes, dass das die NSW und das Kerning fehlerhaft ist. Deshalb ist in vielen Fällen der Optische Schriftweitenausgleich (OSW) eines Textes, eines Wortes oder einer Buchstabenkombination erforderlich.
[L] Peter Karow: Schrifttechnologie, Methoden und Werkzeuge, Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, N.Y., ISBN 3-540-54918-8.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 17.05.2010
von
Wolfgang Beinert




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Quelle: © Wolfgang Beinert, Typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie
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