Typolexikon.de : Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie : Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin.
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Schriftsysteme
Corporate Fonts, Schriftsippen

Typographischer Terminus für eine Gruppe zusammengehöriger Schriftarten (Schriftklassifikation), die typometrisch aus einem Grundkörper entwickelt wurden und deren Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen in der Regel die gleichen Grundformen und Proportionen besitzen. Auch als Corporate Fonts oder als Schriftsippen (» Sippe « got. » sibja « für » Verwandtschaftsverhältnis «; idg. » sebho- « für » eigene Art «) bezeichnet.

Schriftsysteme umfassen meist zwei, drei oder vier Schriftfamilien aus unterschiedlichen Schriftarten (Untergruppen) mit jeweils unterschiedlichen
Schriftstilen; also Druckschriften mit Serifen (Antiqua), betonten Serifen (Egyptienne), ohne Serifen (Grotesk) und/oder hybriden Serifen (Semi Serif). Einige Schriftsippen verfügen darüber hinaus auch über nichtlateinische Formvarianten (Nichtrömische-Schriften).

Der Umgang mit Schriftsystemen setzt kein mikrotypographisches Wissen voraus; denn Mittellängen und Versalhöhen aller Schriftstile sind in der Regel
kalibriert. D.h., alle Stile haben die gleichen p-Linien, x- und H- bzw. k-Linien (Schriftlinien). Sie eignen sich deshalb für harmonische, aktive extrafamiliäre Auszeichnungen und Schriftmischungen innerhalb der Schriftsippe. Bei einigen Schriftsystemen verfügen die Grundstile über die gleichen Dickten, Strichstärken und Grauwerte, was sich positiv auf Umbruchsysteme auswirkt, für die der Schriftsatzumfang relevant ist. Schriftsysteme bewähren sich also besonders gut im Bereich der » Corporate Typography «; sie sind vorteilhaft für komplexe Kommunikationsaufgaben im Segment der Unternehmens- und Medienkommunikation, beispielsweise bei der typographischen Implementierung einer semantischen Typologie eines Geschäftsberichts; was natürlich nichts über die Qualität und die Ästhetik der Schrift als solche aussagt.

Schriftsysteme werden von
Font Foundries als Trilogien (Antiqua, Grotesk, Egyptienne) und Duale Schriftsysteme (Antiqua, Grotesk) im Paket oder in Teilen als Schriftstile oder als Schriftfamilien angeboten. Vertreter der Trilogie-Schriftsysteme sind die Linotype Compatil ® (Silja Bitz und Reinhard Haus, 2001), die Lucida (Charles Bigelow und Chris Holmes, 1985) und die Corporate A-S-E (Kurt Weidemann, 1990) [1]. Vertreter der Dualen Schriftsysteme sind die Eidetic (Rodrigo Xavier Cavazos und Zuzana Licko), die Foundry (David Quay), die Kronos (Volker Schnebel), die Linotype Syntax ® (Hans Eduard Meier), die Officina ITC (Erik Spiekermann und Just van Rossum, 1991), die Rotis (Otl Aicher, 1988), die Skala (Martin Majoor, 1991), die Stone (Summer Stone, 1987) und die Thesis (Lucas de Groot, 1995).

[1] Die Corporate A-S-E wurde Ende der 1980er Jahre im Auftrag der Daimler Benz AG (E. Reuter, Mercedes) von Kurt Weidemann entworfen, von Kurt Stecker gezeichnet, von Günter Gerhard Lange (1921–2008) in der Protovariante » gefinisht « und von URW digitalisiert.
[T] Ist die Schriftsatzmenge relevant für die Wahl eines Schriftsystems, sollte unbedingt vor Einsatz die Umbruchsicherheit und Austauschbarkeit von Zeilen geprüft werden. Denn nicht immer halten Schriftsysteme das, was sie versprechen.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 31.01.2010
von
Wolfgang Beinert




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Quelle: © Wolfgang Beinert, Typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie
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