Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Schriftwahl
Die Wahl von Druck- und Screen-Schriften

Unabhängig von subjektiven Entscheidungskriterien, z.B. Geschmack oder Ressourcen, basiert eine zweckmäßige Schriftwahl für eine Schriftsatzarbeit auf pragmatischen Kriterien. Die Wahl der Schriftgattung (Hauptgruppe), der Schriftart (Untergruppe), des Schriftstils (Schriftschnitt) und der Schrifttechnologie (z.B. Post Script 1) gehört in den Bereich der Makrotypographie. Die Wahl eines expliziten Fonts (z.B. Bauer Bodoni ®) und der exakten Bezugsquelle (Schriftgestalter, Erscheinungsjahr und Font Foundry) [1] gehört in den Bereich der Mikrotypographie. Klassifikations- und Ordnungsmodelle (Schriftklassifikation) dienen dabei dem Ordnen, der Pflege und dem Studium von Schriften.

Auswahlkriterien
für die Wahl einer oder mehrerer Schriften:

FUNKTION

  1. In welcher typographischen Teildisziplin (Lesetypographie, Gebrauchstypographie, Corporate Typography, Kunsttypographie, Web- und Screen-Typographie oder Plastische Typographie) wird die Schrift eingesetzt? (siehe Typographie) [2]
  2. Korrespondiert das Figurenverzeichnis mit den Anforderungen? (z.B. Sonderzeichen, wissenschaftliche Zeichen oder Ziffern)
  3. Wird eine Nichtrömische Schrift aus der gleichen Schriftfamilie benötigt? (z.B. eine kyrillische Variante)
  4. Wie viele Schriften und/oder Schriftstile bzw. Schriftschnitte werden für die Umsetzung der semantischen Matrix bzw. für die Schriftmischung benötigt?

FORM

  1. Welche Schrift passt zum Thema, zum Produkt oder/und zum Auftraggeber? (z.B. Ästhetik, Anmutung, Modernität, Kontinuität, Geschmack, Wettbewerb)
  2. Welche Schrift gleichen Namens (Schriftbezeichnung) ist die passende Schrift? (z.B. eine bestimmte Bodoni von Linotype, Berthold oder Adobe?) [3]
  3. Welche Schrift mit gleichen Klassifikationsmerkmalen verfügt über die gewünschten typometrischen Eigenschaften? (z.B. eine Minion oder eine andere Garamondvariante?)

PRODUKTION

  1. Wie funktioniert die Schrift auf unterschiedlichen Trägermaterialien (z.B. auf unterschiedlichen Papieren [4], VGA-Monitoren, Retina-Displays, Multi-Touch-Screendisplays, Stoff, Plastik)
  2. Wie funktioniert die Schrift in unterschiedlichen Produktionsverfahren? (z.B. Bürodrucker, Offsetdruck, Siebdruck, HTML, Flash, Photoshop, Folien, Beamer-Projektion)
  3. Welches Schriftformat ist das richtige? (z.B. TrueType oder PostScript, welches OpenType-Format?)
  4. Wie reagiert die Schrift im Umbruchsystem? (z.B. Schriftsatzmengen, Schriftlaufweiten, Kerning, HTML-Skalierung, Austauschbarkeit von Schriftstilen) [5]

VERFÜGBARKEIT UND KOSTEN

  1. Ist die Schrift in der eigenen Schriftenbibliothek vorhanden oder muss sie erst gekauft werden?
  2. Mit welcher Software, Betriebssystemen und Hardware ist die Schrift kompatibel?
  3. Ist die Schrift bei Dritten (z.B. Druckereien, Werbeagenturen, Kunde, Internet-User) verfügbar und wenn nein, ist sie käuflich und zu welchem Preis?
  4. Fallen Folgekosten (z.B. Pauschalen, Support) pro PC-Arbeitsplatz, das Endgerät oder die Nutzung im Internet (z.B. »Lizenzen« für serverbasierte Webfonts) an und wie hoch sind diese?

IMPLEMENTIERUNG

  1. Ist der Typograph qualifiziert, mit der/den gewählten Schrift(en) zu arbeiten?
  2. Sind Dritte (z.B. ausführende Agenturen) qualifiziert, mit der/den gewählten Schrift(en) zu arbeiten? [6]


[1] Schriften werden von den Herstellern regelmäßig überarbeitet und für neue Satzsysteme bzw. Schriftsatzsoftware adaptiert. Deshalb sollte grundsätzlich für die offene Weitergabe der Belichtungsdaten der exakte Schriftstil inklusive der Bezugsquelle der verwendeten Schrift angegeben werden. Also Schriftname [z.B. Baskerville], Schriftbreite [z.B. normal], Schriftstärke [z.B. halbfett], Schriftlage [z.B. kursiv] und Schriftenbibliothek [z.B. Berthold ®]. Denn je nach Hersteller oder Distributor kann es zu markanten Unterschieden der Figuren und der Schriftstilbezeichnung kommen. Schrift ist nicht gleich Schrift!
[2] Beispielsweise sind Screen-Schriften keine Druckschriften und umgekehrt.
[3] Schrift ist nicht gleich Schrift: Denn wo beispielsweise Bodoni »draufsteht«, muss nicht unbedingt Bodoni »drin« sein! Dies gilt insbesondere für kostenlose Schriften aus dem Internet oder Systemschriften, die mit dem PC ausgeliefert werden.
[4] Nicht nur die unterschiedlichen Trägermaterialien sind zu beachten, sondern auch die spezifischen Unterschiede innerhalb einer Materialgruppe. So steht beispielsweise eine Schrift völlig anders auf einem gestrichenen Papier als auf einem Natur,- Feinst- oder Künstlerpapier. (Siehe Natur-, Feinst- und Künstlerpapiere im Offsetdruck - Optimale Druckergebnisse mit Naturpapieren: www.beinert.net/kommentare/feinstpapiereoffsetdruck.html).
[5] Es ein ein gravierender Unterschied, ob z.B. eine »Bibel« in einer schmallaufenden Schrift mit entsprechendem Umbruchverhalten gesetzt wurde oder nicht. Denn der Satzumfang sowie die Produktions-, Lager- und Versandkosten dürften sich spürbar unterscheiden.
[6] Für einen versierten Typographen ist es in der Regel kein Problem mit extrafamilären Schriftmischungen oder komplizierten Schriften zu arbeiten. Für die Mehrheit aber ist Mikrotypographie eine unüberwindbare Barriere. Ergo: Die Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied! Dies gilt insbesondere beim Entwurf eines Corporate Designs und dessen Implementierung durch Dritte.
[T]
Druckschriften können nicht am Bildschirm bzw. anhand des TrueType-Formats beurteilt werden, denn die Darstellung einer Druckschrift auf einer digitalen Benutzeroberfläche entspricht nicht dem Druckbild. Auch ein PDF-File ist nur für eine grobe Vorauswahl brauchbar. Deshalb sollte vor dem Kauf einer Schrift grundsätzlich ein gedrucktes Schriftmuster (Schriftmusterbuch, Katalog, Prospekt etc.) bestellt werden.
[L] Günter Bose und Erich Brinkmann (Herausgeber): Jan Tschichold: Schriften 1925-1974, Brinkmann & Bose, Berlin 1991, Band 1 und 2, ISBN 3-922660-35-5 und 3-922660-36-3.
[L] Peter Karow: Schrifttechnologie, Methoden und Werkzeuge, Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, N.Y., ISBN 3-540-54918-8.
[L] Karen Cheng: Designing Type, Anatomie der Buchstaben, Verlag Hermann Schmidt Mainz, ISBN 3-87439-689-4.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 09.02.2012
von Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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